Monographie: Test E 250 (Wirkstoff: Testosterone enanthate)
1. Chemisches Profil (Molekularstruktur, Halbwertszeit)
Bezeichnung
- Internationaler Name: Testosterone enanthate (17β‑(heptanoyloxy)androst‑4‑en‑3‑on)
- CAS‑Nr.: 315‑37‑7
Chemische und physikalische Eigenschaften
- Summenformel: C26H40O3
- Molare Masse: 400,59 g·mol−1
- IUPAC: (17β)-3‑oxoandrost‑4‑en‑17‑yl heptanoat (17β‑(heptanoyloxy)androst‑4‑en‑3‑on)
- Struktur‑Charakteristik: Steroidgerüst (androst‑4‑en‑3‑on) mit Veresterung der 17β‑Hydroxygruppe durch die Heptansäure (Enanthat). Mehrere stereozentren typisch für Androstane; biologische Aktivität ist stereospezifisch.
- Erscheinungsbild: lipophile Substanz, eingesetzte Darreichungsform üblicherweise als ölige Injektionslösung. In Wasser praktisch unlöslich; löslich in organischen Lösungsmitteln und Ölen.
Pharmazeutische Formulierung (üblich)
- Ölige Suspension bzw. Öl‑Lösung zur intramuskulären Injektion. Handelsübliche Konzentrationen umfassen z. B. 250 mg Testosteron‑Enanthate pro ml (Bezeichnung „Test E 250“ wird häufig für 250 mg/ml‑Formulierungen verwendet).
Halbwertszeit und Wirkungsdauer
- Depotcharakter nach tief intramuskulärer Applikation: langsame Freisetzung aus dem Öldepot gefolgt von Esterhydrolyse.
- Eliminationshalbwertszeit (nach einmaliger i.m. Gabe): ungefähr 4–5 Tage (reported range ca. 3–7 Tage, abhängig von Studienbedingungen und Injektionsstelle). Die pharmakodynamische Wirkungsdauer liegt typischerweise deutlich länger; klinisch relevante Testosteronspiegel können über 1–3 Wochen ansteigen, weshalb Intervallgaben in der Praxis in größeren Abständen erfolgen als bei unesterifizierten Formen.
- Metabolische Umwandlung der Esterbindung erfolgt durch Esterasen, die das aktive Aglykon Testosteron freisetzen.
2. Klinische Pharmakologie (Wirkmechanismus)
Wirkmechanismus
- Prodrug: Testosterone enanthate selbst ist ein Ester, der durch Esterasen in Testosteron und Heptansäure gespalten wird. Die pharmakologische Wirkung beruht primär auf dem freigesetzten Testosteron.
- Rezeptorwirkung: Testosteron ist ein Androgenrezeptor(AR)‑Agonist. Bindung an den zytoplasmatischen AR führt zur Konformationsänderung, Dimerisierung und Translokation in den Zellkern, wo der AR als Transkriptionsfaktor die Expression androgenregulierter Gene moduliert (genomische Wirkung).
- Nicht‑genomische Effekte: Zusätzlich werden rasche, nicht‑genomische Signalwege beschrieben, die sekundäre Botenstoffe und Membranrezeptoren betreffen können.
Metabolische Umwandlungen und sekundäre Effekte
- 5α‑Reduktase wandelt Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) um, das eine höhere Affinität zum AR besitzt und in Zielgeweben (z. B. Prostata, Haarfollikel) ausgeprägtere androgenetische Effekte vermittelt.
- Aromatase (CYP19) kann Testosteron zu Estradiol aromatisieren; Estrogene tragen zu Knochenstoffwechsel, Fettverteilung und zentralen Effekten bei.
- Hämatopoetische Effekte: Testosteron fördert Erythropoese, erhöht Erythropoetin und kann zu Anstieg des Hämatokrits führen.
- Hypothalamus‑Hypophysen‑Gonaden‑Achse: Exogene Androgengabe führt zu negativer Rückkopplung auf GnRH, LH und FSH, mit konsekutiver Reduktion der endogenen Testosteronproduktion und ggf. Spermatogenesedepression.
Pharmakokinetik (kurz)
- Absorption: langsame Freisetzung aus intramuskulärem Depot ins Blut.
- Distribution: Testosteron im Serum größtenteils an SHBG (sex hormone‑binding globulin) und Albumin gebunden; nur freies Testosteron ist biologisch aktiv.
- Metabolismus: hepatische und periphere Umwandlungen (Reduktion, Hydroxylierung, Konjugation).
- Elimination: Metaboliten über Urin und Fäzes ausgeschieden.
Klinisch relevante Wirkungen
- Anabole Effekte: gesteigerte Proteinsynthese, Muskelmasse und -kraftsteigerung, Knochendichteerhöhung.
- Androgene Effekte: Entwicklung/Erhaltung männlicher sekundärer Geschlechtsmerkmale, Libido.
- Unerwünschte sequelae: Virilisierung, Störungen des Lipidprofils, Ödeme, Hypertonie, polyzythämische Zustände, mögliche kardiovaskuläre Risiken, potenzielle Prostatahyperplasie/-karzinom‑Progression.
Wechselwirkungen und klinische Implikationen
- Testosteron‑Therapie kann Gerinnungsparameter beeinflussen und hat Interaktionen mit Antikoagulanzien beschrieben.
- Exogene Androgene können gonadotrope Achse unterdrücken; Fertilitätsreduktion möglich.
- Abhängigkeit von individuellen Stoffwechselwegen; patientenbezogene Faktoren (Alter, Leberfunktion, SHBG) beeinflussen Pharmakokinetik und -dynamik.
3. Lagerung & Stabilität
Allgemeine Lagerungsempfehlungen
- Aufbewahrung: In der Originalverpackung, bei kontrollierter Raumtemperatur (typischerweise 15–25 °C) lagern; genaue Temperaturen gemäß Fachinformation des Herstellers beachten.
- Schutz: Vor direktem Licht schützen; nicht einfrieren.
- Arzneiform: Ölige Injektionslösungen sind für intramuskuläre Verwendung vorgesehen; Vials nach Anbruch entsprechend den Angaben des Herstellers und geltenden Arzneimittelvorschriften handhaben.
Stabilität
- Ungeöffnete, korrekt gelagerte Fertigarzneimittel sind in der Regel mehrere Jahre stabil (herstellerabhängig; Verfallsdatum beachten).
- Nach Entnahme aus dem Vorratsbehälter: Stabilität gegenüber mikrobieller Kontamination ist abhängig von Behältertyp (Einzel‑ vs. Mehrfachdosis) und Vorhandensein von Konservierungsmitteln. Produkte sollten nur gemäß Kennzeichnung und aseptischen Regeln verwendet werden.
- Anzeichen von Inkompatibilität/Instabilität: Verfärbung, Trübung, Partikelbildung oder ungewöhnlicher Geruch; in solchen Fällen Nichtgebrauch und Entsorgung.
Sicherheit und Entsorgung
- Umgang gemäß lokalen Vorschriften für verschreibungspflichtige und kontrollierte Substanzen.
- Reste und gebrauchte Materialien (nadeln, Ampullen) sind als medizinischer Sonderabfall zu entsorgen.
4. Allgemeine Informationen (Medizinische Anwendungen)
Indikationen (übersichtlich und nicht abschließend; zu prüfen durch nationale Zulassungen)
- Primäre und sekundäre Testosteronmangelzustände (klinisch manifestierter hypogonadaler Zustand) beim männlichen Patienten, bei denen ein Ersatz indiziert ist.
- Verzögerte Pubertät beim männlichen Jugendlichen, sofern hormonelle Substitution angezeigt ist (indikationsabhängig).
- Geschlechtsaffirmierende Hormonersatztherapie bei transmaskulinen Personen (im Rahmen fachärztlicher Betreuung).
- Historisch und gelegentlich: palliativer Einsatz bei bestimmten malignen Erkrankungen (z. B. hormonabhängige Mammakarzinom‑Subtypen) — Anwendungsbereich abhängig von nationalen Leitlinien und Zulassung.
Gegenanzeigen (Auswahl)
- Bekannter oder vermuteter Prostata‑ oder Brustkrebs.
- Schwere kardiale, hepatische oder renale Erkrankungen, bei denen Androgengabe kontraindiziert ist.
- Schwangerschaft und Frauen mit Reproduktionspotenzial ohne geeignete Verhütung (Androgene können virilisierende Effekte beim weiblichen Fetus haben).
- Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Hilfsstoffe.
Unerwünschte Wirkungen (prägnant)
- Androgene/Virilisierende Effekte: Hirsutismus, Akne, Stimmvertiefung, Amenorrhoe/menstruationsstörungen bei Frauen.
- Reproduktive Effekte: Testikuläre Atrophie, reduzierte Spermatogenese, Libidoveränderungen.
- Hämatologisch: Erhöhung von Hämoglobin/Hämatokrit (Polyzythämie).
- Metabolisch/Kardio: Verschlechterung des Lipidprofils (Abnahme HDL, Anstieg LDL), Flüssigkeitsretention, erhöhter Blutdruck, potenziell erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.
- Hepatisch: Bei oralen-und-transdermalen Androgenen häufiger Leberbelastung; injizierbare Ester haben geringeres, aber nicht null Risiko für Leberfunktionsstörungen.
- Psychiatrisch: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, gelegentlich Depression oder Aggressivität.
Überwachung und klinische Praxis
- Vor Beginn: Dokumentation der Indikation, Basisbefunde (klinische Untersuchung, Serum‑Testosteron, hämatologische Parameter, Leberfunktion, Lipidprofil, PSA bei älteren Männern).
- Während der Therapie: Regelmäßige Kontrolle von Serum‑Testosteronspiegeln, Hämatokrit/ Hämoglobin, Leberfunktion, Lipidstatus und PSA; Anpassung der Therapie nach klinischem Befund und Laborparametern.
- Therapieabbruchsgründe: Auftreten schwerer unerwünschter Ereignisse, Nachweis von Prostata‑ oder Brustkrebs oder signifikante Abweichungen in den Überwachungsparametern.
Rechtlicher Status
- Testosterone enanthate ist in den meisten Ländern ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und unterliegt in vielen Rechtsordnungen zusätzlichen Kontrollen (kontrolliertes Betäubungsmittel/Anhang reglementierter Substanzen). Verordnung, Lagerung und Abgabe nur gemäß geltender gesetzlicher Bestimmungen und Fachinformationen.
Hinweis
- Diese Monographie stellt eine medizinisch‑technische Zusammenfassung dar und ersetzt nicht die länderspezifische Fachinformation, klinische Leitlinien oder die individuelle ärztliche Beurteilung. Arzneimittelanwendung, Indikationsstellung und Überwachung sind in jedem Fall durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal vorzunehmen.