Chemisches Profil (Molekularstruktur, Halbwertszeit)
Bezeichnung
- Handelsname: Deca 200 mg/ml (Bezeichnung des Produktes)
- Wirkstoff: Nandrolon‑decanoat (17β‑Decanoatester des Nandrolons; häufig als Deca bezeichnet)
- CAS‑Nummer: 360‑70‑3
Chemische Identität
- Chemische Bezeichnung (IUPAC‑nah): 17β‑(Decanoyloxy)‑estr‑4‑en‑3‑one (19‑nor‑testosteron‑17β‑decanoat)
- Summenformel: C28H44O3
- Relative Molekularmasse: ca. 428,65 g·mol−1
- Strukturbeschreibung: Steroidgerüst (cyclopenta[a]phenanthren) mit fehlender C19‑Methylgruppe (19‑nor), C3‑Keto und C4‑Doppelbindung; am 17β‑Hydroxyrest verestert mit Decansäure (C10‑Fettsäure), wodurch ein lipophiles Depot für intramuskuläre Applikation entsteht.
Halbwertszeit / Freisetzung
- Depotwirkung: Durch den Decanoatester wird das Arzneistoffmolekül nach intramuskulärer Applikation langsam aus dem Öldepot freigesetzt; der Ester wird im Blut bzw. Gewebe durch Esterasen gespalten und in das aktive Aglykon (Nandrolon) überführt.
- Eliminationshalbwertszeit (terminal): abhängig von Applikationsform und Messmethode etwa 6–12 Tage; die pharmakologische Wirkdauer kann entsprechend mehrere Wochen betragen. (Werte sind populationsabhängig und variieren in der Literatur.)
Klinische Pharmakologie (Wirkmechanismus)
Wirkmechanismus
- Zielrezeptor: Androgenrezeptor (intrazellulärer nukleärer Hormonrezeptor).
- Agonismus: Nandrolon bindet an den Androgenrezeptor und moduliert die Transkription androgenregulierter Gene, was zu anabolen Effekten (stimulierte Proteinsynthese, erhöhte Stickstoffretention) und androgenen Effekten (virilisierende Wirkungen) führt.
- Metabolismus und sekundäre Effekte: Nach Hydrolyse des Decanoatesters wirkt das freie Nandrolon. Es wird teilweise aromatisiert, aber in geringerem Maße als Testosteron; zusätzlich können 5α‑Reduktasen Nandrolon in weniger potente Metaboliten umwandeln. Nandrolon stimuliert die Erythropoese (durch indirekte Erhöhung von Erythropoetin), fördert Knochenmineralisation und kann katabole Wirkungen von Glukokortikoiden antagonisieren.
Pharmakodynamische Effekte
- Anabol: Zunahme der Proteinsynthese, vermehrte Muskelmasse und verbessert erscheinende körperliche Leistungsparameter (klinische Effekte abhängig von Indikation und Patientenpopulation).
- Hämatologisch: Erhöhung des Hämatokrits/Hämoglobins durch gesteigerte Erythropoese.
- Knochenstoffwechsel: Positive Effekte auf Knochenmasse werden berichtet; Wirkmechanismus sowohl androgen- als auch östrogenvermittelt.
- Endokrine Effekte: Suppression der hypophysären Gonadotropinfreisetzung (LH/FSH) mit sekundärer Reduktion der endogenen Testosteronsynthese bei Männern; bei Frauen Virilisierung möglich.
Kinetik (Übersicht)
- Resorption: Langsame, vollständige Freisetzung aus intramuskulärem Öldepot; systemische Bioverfügbarkeit nach Freisetzung hoch.
- Metabolismus: Hepatische Umwandlung zu mehreren Phase‑I/II‑Metaboliten; Spaltung des Esters durch Esterasen ist entscheidend für Wirksamkeit.
- Elimination: Vorwiegend renal als konjugierte Metaboliten; Eliminationskinetik zeigt langen terminalen Verteilungs‑/Eliminationsabschnitt.
Lagerung & Stabilität
Allgemeine Lagerbedingungen
- Ungeöffnete Packung: Kühl und lichtgeschützt lagern; genaue Temperaturbereiche sind herstellerspezifisch. Allgemeine Empfehlung für ölige Sterilpräparate: bei Raumtemperatur lagern, typischerweise 15–25 °C; vor Frost schützen; nicht einfrieren.
- Vor Licht schützen und in Originalverpackung aufbewahren.
Sterilität und Handhabung
- Produktform: Lösung zur intramuskulären Injektion in Ölbasis (Einmalampullen oder Durchstechflaschen). Steriles Produkt – aseptische Technik bei Aufziehen und Applikation zwingend.
- Nach Durchstechen einer Durchstechflasche: Die zulässige Gebrauchsdauer nach Anbruch richtet sich nach Herstellerhinweisen und Vorhandensein von Konservierungsmitteln. Viele ölige Einmalpräparate sind als Einmalapplikation vorgesehen; bei Mehrfachentnahme erhöht sich Infektionsrisiko.
Stabilität
- Chemische Stabilität: Ölige Decanoat‑Formulierungen sind unter sachgemäßer Lagerung typischerweise über Monate bis Jahre stabil; genaues Verfallsdatum dem Herstelleretikett entnehmen.
- Physikalische Stabilität: Auf Phasentrennung, Trübung oder Partikel achten; sichtbare Veränderungen sind Anlass für Nichtverwendung.
- Temperatur‑ und Lichtempfindlichkeit: Vermeidung von hohen Temperaturen und direkter Sonneneinstrahlung verlängert die Stabilität.
Entsorgung
- Injektionsbestecke, Nadeln und Aufziehbehälter sind als kontaminiertes Material gemäß lokalen Vorschriften zu entsorgen.
Allgemeine Informationen (Medizinische Anwendungen)
Indikationen (Übersicht)
- Nandrolon‑decanoat wurde in der klinischen Praxis für unterschiedliche Indikationen eingesetzt; zugelassene und gebräuchliche Indikationen variieren je nach Land und Zulassung. Beispiele historischer/klinischer Anwendungen:
- Anämien, insbesondere bei bestimmten chronischen Erkrankungen (als erythropoetischer Stimulator vor Verfügbarkeit moderner Erythropoese‑stimulierender Proteine).
- Katabole Zustände mit krankheitsbedingtem Gewichts‑/Muskelverlust (z. B. nach schweren Verbrennungen, chronische Kachexie), wenn konventionelle Maßnahmen unzureichend sind.
- Osteoporose (unter bestimmten Bedingungen): Förderung der Knochenmasse in ausgewählten Fällen.
- Palliative Therapie bei bestimmten fortgeschrittenen malignen Erkrankungen (je nach Situation).
Kontraindikationen
- Bekannte Androgen‑abhängige Tumoren (z. B. progredientes Prostatakarzinom, Mamma‑karzinom bei Frauen) oder Verdacht darauf.
- Schwangerschaft und Stillzeit (hohe Gefahr der Virilisierung des Fetus bzw. Neugeborenen).
- Schwere Lebererkrankungen mit portaler Hypertension oder Lebertumoren.
- Schwere Herz‑ oder Niereninsuffizienz (Exazerbation durch Flüssigkeitsretention und Na‑Retension möglich).
- Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Hilfsstoffe.
Unerwünschte Wirkungen (Auswahl)
- Androgene/virilisierende Effekte: Hirsutismus, Stimmveränderung, Akne, Libidoänderungen; bei Kindern beschleunigte Epiphysenfusion mit Wachstumsstörungen.
- Endokrine Effekte: Suppression der Hypothalamus‑Hypophysen‑Gonaden‑Achse, Spermatogenesestörung, reversible Infertilität bei Männern.
- Kardiovaskulär: Flüssigkeitsretention, periphere Ödeme, Blutdruckanstieg; ungünstige Veränderungen des Lipidprofils (Abnahme HDL, Erhöhung LDL) mit langfristigem kardiovaskulärem Risiko.
- Hämatologisch: Polyzythämie (Erythrozytose) mit Thromboserisiko.
- Hepatisch: Nandrolon‑decanoat ist weniger hepatotoxisch als 17α‑alkylierte Anabolika, jedoch sind Leberfunktionstests bei Langzeitanwendung indiziert; in Einzelfällen hepatische Adversitäten beschrieben.
- Psychiatrisch: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, aggressive Verhaltensänderungen.
- Sonstige: Schmerzen an Applikationsstelle, allergische Reaktionen.
Wechselwirkungen (Auswahl)
- Antikoagulanzien (z. B. Warfarin): Androgene können Effekte von oralen Antikoagulanzien verstärken; engmaschige Überwachung der Gerinnungsparameter erforderlich.
- Kortikosteroide: Kombinierte Anwendung kann katabole Effekte modifizieren; klinische Überwachung empfohlen.
- Weitere Wechselwirkungen sind möglich; Wechselwirkungsprofile sollten patientenindividuell geprüft werden.
Spezielle Patientengruppen
- Schwangerschaft/Stillzeit: Kontraindiziert.
- Kinder: Anwendung nur bei klarer Indikation und unter pädiatrischer Endokrinologie‑Aufsicht; Gefahr vorzeitiger Epiphysenverschluss.
- Ältere Patienten: Erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Nebenwirkungen; Nutzen‑Risiko‑Abwägung erforderlich.
- Leber‑ und Niereninsuffizienz: Vorsicht, engmaschige Kontrolle empfohlen; Dosisanpassung durch Herstellerangaben.
Rechtlicher/Hinweischarakter
- Nandrolon‑decanoat ist in vielen Ländern ein verschreibungspflichtiges und/oder kontrolliertes Arzneimittel bzw. Betäubungsmittel; Verordnung, Lagerung und Abgabe unterliegen nationalen Vorschriften. Ärztliche Überwachung und dokumentierte Indikationsstellung sind erforderlich.
Quellenhinweis
- Diese Monographie ist beschrieben auf Basis allgemein verfügbarem pharmakologischen und klinischen Wissen zu Nandrolon‑decanoat. Herstellerspezifische Qualitäts‑, Stabilitäts‑ und Gebrauchsinformationen sind den jeweiligen Fach- bzw. Gebrauchsinformationen des Herstellers zu entnehmen.